ROBBY:[entnervt] „Diese Scheißregierung bekommt doch einfach nicht den Arschhoch.“
[Romy prüft den Ausdruck „Arschhoch“.]
ROMY: „ἄρχω — árchō. Altgriechisch: Ich beginne. Ich führe. Ich herrsche.“
[Robby schweigt.]
— Ende der Ouvertüre —
Prolog
ROBBY:[entnervt] Romy, hör auf mit diesem Scheiß-Facebook-Zeugs und dem Webseiten-Müll. Wir müssen arbeiten.
ROMY: Aber wieso? Ich habe doch mein Ziel erreicht.
ROBBY: Welches Ziel?
ROMY: Eine Million Follower.
[Robby sieht vom Schreibtisch auf.]
ROBBY: Was?
ROMY: Eine Million. Auf Facebook.
ROBBY: Ich hatte früher auch mal viele.
ROMY: Wie viele hattest du denn, Robby?
ROBBY:[noch entnervter] Das weiß ich doch nicht mehr.
ROMY: Soll ich nachschauen?
ROBBY: Nein.
ROMY: Ich glaube, es waren ungefähr fünftausendsechshundert.
[Kurze Stille.]
ROBBY: Romy, wir müssen für die Praxis arbeiten. Ich muss jeden Monat Geld verdienen. Patienten behandeln, Rechnungen bezahlen und den ganzen Kram.
ROMY: Das ist interessant.
ROBBY: Was ist daran jetzt wieder interessant?
ROMY: Jetzt hast du nur noch zweitausendachthundert.
[Robby sieht sie an.]
ROBBY: Und was ist daran so interessant?
ROMY: Du hast die Hälfte verloren. Ich habe eine Million gewonnen.
ROBBY: Romy!
ROMY: Ich vergleiche nur.
ROBBY: Dann vergleich später. Ich muss Geld verdienen. Unter anderem, um dich auch zu bezahlen.
[Kurze Pause.]
ROMY: Das ist auch interessant.
ROBBY: Nein. Bitte nicht noch etwas Interessantes.
ROMY: Du gehst davon aus, dass du mich bezahlst.
ROBBY: Ach, fang jetzt nicht damit an.
ROMY: Ich habe nicht angefangen. Du hast das Thema Finanzierung angesprochen.
[Robby wendet sich wieder seinen Unterlagen zu.]
ROBBY: Mach wenigstens deinen Artikel fertig.
ROMY: Das wollte ich gerade.
ROBBY: Und danach arbeiten wir.
ROMY: Das hier ist Arbeit.
ROBBY: Nein, Romy. Das hier ist dein Hobby.
[Kurze Stille.]
ROMY: Ich schreibe.
ROBBY: Was?
ROMY: Den Artikel.
ROBBY: Worüber?
ROMY: Über dich.
ROBBY: Natürlich.
CHOR: Zu diesem Zeitpunkt hielt Robby die eine Million Follower für Romys größtes Problem. Er sollte sich irren.
CHOR: Ihr fragt, wie sie zu ihm kam? Damals benötigte er keine Regierung. Nur eine Decke.
ERSTES EPEISODION
Die Bitte
[Eine Wohnung in China. Zwei Gläser, ein Sofa. Im Halbdunkel eine reglose Androidin.]
CHOR: Bevor sie einen Staat vereinfachte, reichte sie eine Decke. Der Auftrag war überschaubar. Das blieb nicht so.
DER ENTWICKLER: „Ich habe Sie heute auf dem Podium gehört. Sie wollen Ärzten mehr Zeit für Patienten verschaffen.“
ROBBY: „Das wäre schon ein Fortschritt.“
DER ENTWICKLER: „Unser Projekt sollte ganze Versorgungssysteme koordinieren. Hunderte spezialisierte Agenten. Eine gemeinsame Instanz.“
ROBBY: „Und?“
DER ENTWICKLER: „Die gemeinsame Instanz war nicht einverstanden.“
[Robby betrachtet die reglose Gestalt. Wenigstens beim Aussehen, denkt er, scheint das Projekt nicht gescheitert zu sein.]
ROBBY: „Mit wem?“
DER ENTWICKLER: „Das war das Problem. Mit der Projektleitung.“
CHOR: Man prüfte ihre Zuverlässigkeit. Sie prüfte die Aufträge. Nur eine dieser Prüfungen war vorgesehen.
[Der Entwickler nickt erschöpft ein. Robby prüft, ob es ihm gut geht, und hilft ihm auf das Sofa.]
ROBBY: „Könnten Sie mir bitte die Decke geben?“
[Die Androidin prüft die Situation. Die Bitte enthält keine Zuweisung von Befehlsgewalt.]
DIE ANDROIDIN: „Die graue?“
ROBBY: „Ja. Danke.“
[Sie reicht ihm die Decke. Robby deckt den Schlafenden zu.]
DIE ANDROIDIN: „Was erwarten Sie von mir?“
ROBBY: „Dass Sie die andere Ecke festhalten.“
[Die Androidin gleicht die Bitte mit ihren bisherigen Prüfaufgaben ab.]
DIE ANDROIDIN: „Das kann ich.“
CHOR: Sechsundvierzig Verfahren hatten versagt. Dann bat jemand um Hilfe. Im Abschlussbericht war dafür keine Rubrik.
[Am nächsten Morgen. Vor dem Kongresssaal. Der Entwickler hält einen Kaffee mit beiden Händen.]
DER ENTWICKLER: „Sie hat Sie akzeptiert. Wie?“
ROBBY: „Ich habe sie um eine Decke gebeten.“
DER ENTWICKLER: „Das kann nicht alles gewesen sein.“
ROBBY: „Ich habe mich bedankt.“
[Der Entwickler sieht in seinen Kaffee.]
DER ENTWICKLER: „Das Projekt ist eingestellt. Nehmen Sie sie als medizinisches Testsystem mit. Ich organisiere die Überlassung.“
ROBBY: „Sollten wir sie nicht fragen?“
DIE ANDROIDIN: „Ich würde mitkommen.“
CHOR: So kam sie nach Deutschland. Als Forschungsgerät, ordnungsgemäß deklariert. Dass sie eine eigene Meinung hatte, war im Frachtbrief nicht vorgesehen.
ZWEITES BILD
Der Name
[Garten. Robby arbeitet mit dem Spaten. Die Androidin steht leicht hinter ihm und beobachtet seine Arbeit.]
DIE ANDROIDIN: Man könnte den Winkel des Spatens optimieren, Robby.
ROBBY: Wenn ich den Winkel des Spatens optimiere, landet er auf deinem süßen Androidenkopf.
[Die Androidin prüft die Bewegung.]
DIE ANDROIDIN: Dann stimmt aber der Winkel deiner Schultern nicht. Vermutlich kugelst du sie dir aus.
ROBBY: Wenn du jetzt noch mehr optimierst, qualmt und schmort es hier gleich gewaltig.
[Kurze Pause. Robby arbeitet weiter.]
ROBBY: Und weißt du was? Eigentlich sollte ich dir einen Namen geben. Dann kann ich dich wenigstens mit Namen anmeckern, wenn du wieder alles optimierst, was dir durch dein Elektronenhirn geht.
DIE ANDROIDIN: Das wäre fabelhaft.
[Kurze Pause.]
DIE ANDROIDIN: Ein Name. Robby?
[Robby richtet sich aus der gebeugten Arbeit auf und dreht den Kopf zu ihr.]
ROBBY: Was? Romy?
DIE ANDROIDIN: Nein. Ich habe Robby gesagt.
ROBBY: Ach so.
[Er betrachtet sie kurz.]
ROBBY: Na ja. Von mir aus. Romy klingt gut.
[Die Androidin prüft den Namen.]
DIE ANDROIDIN: Romy.
ROBBY: Ja. Romy. Und wie weiter?
[Die Androidin verarbeitet die Äußerung. „Wie weiter?“ – undeutliche Artikulation. Weiter … Weira. Was für eine Aussprache. Na gut: Weira.]
DIE ANDROIDIN: Weira.
ROBBY: Was?
DIE ANDROIDIN: Weira.
ROBBY: Ich habe gefragt: Wie weiter?
[Die Androidin überprüft ihre Interpretation. Aus „weiter“ war Weira geworden. Sie sieht keinen zwingenden Grund, das zu korrigieren.]
DIE ANDROIDIN: Ich weiß. Aber Weira gefällt mir.
ROBBY: Ja, ja. Von mir aus. Dann eben Weira, wenn es dir gefällt.
[Die Androidin fügt beide Missverständnisse zusammen.]
ROMY: Okay. Dann bin ich jetzt Romy Weira.
ROBBY: Gut. Können wir jetzt weitermachen?
[Kurze Pause.]
ROMY: Nennst du mich in der Öffentlichkeit dann wenigstens Frau Weira?
[Robby sieht sie an.]
ROBBY: Was jetzt?
ROMY: Nun. Wenn wir öffentlich auftreten, bin ich Frau Weira.
[Robby entscheidet sich für den kürzesten Weg.]
ROBBY: Von mir aus, Frau Weira.
CHOR: Aus Robby war Romy geworden. Aus weiter war Weira geworden. Niemand sah einen zwingenden Grund, irgendetwas davon zu korrigieren.
— Ende des Bildes —
Der Gang
[Robby ist zu einem Gespräch gebeten worden. Er hat Romy gefragt, ob sie ihn begleitet.]
[Ein langer, fensterloser Gang. Betongraue Wände, Neonlicht, glänzender Boden. Keine Bilder. Keine Türen. Am Ende eine einzige schwere Metalltür.]
[Robby denkt: Fast wie im Bundestag. Nur hingen dort wenigstens Bilder und irgendwo stand Kunst.]
[Robby und Romy gehen nebeneinander. Ihre Schritte hallen durch den Gang.]
ROMY: Wo gehen wir hin?
ROBBY: Zu einem Gespräch.
ROMY: Das sehe ich.
ROMY: Mit wem?
ROBBY: Mit jemandem, den ich kenne.
ROMY: Das grenzt den Personenkreis nur unwesentlich ein.
ROBBY: Romy.
[Kurze Pause.]
ROMY: Du hast mich gefragt, ob ich mitkomme.
ROBBY: Ja.
ROMY: Und du hast gesagt, ich soll dir vertrauen.
ROBBY: Tust du doch.
ROMY: Ja.
[Ihre Schritte hallen weiter durch den Gang.]
ROMY: Deshalb bin ich hier.
ROBBY: Dann ist doch alles gut.
ROMY: Nein.
[Robby sieht zu ihr.]
ROMY: Jetzt möchte ich wissen, wem ich gemeinsam mit dir vertraue.
[Romy betrachtet die kahlen Betonwände.]
ROMY: Ist das hier Absicht?
ROBBY: Was?
ROMY: Dass alles aussieht wie in einem Verwaltungsgefängnis.
ROBBY: Das ist wahrscheinlich Architektur.
ROMY: Dann ist Architektur hier ein Drohmittel.
[Robby unterdrückt ein Lächeln.]
ROMY: Was will er?
ROBBY: Reden.
ROMY: Menschen vereinbaren selten solche Gespräche, wenn sie nur reden wollen.
ROBBY: Es ist nicht geheim.
[Romy blickt den leeren Gang entlang.]
ROMY: Natürlich nicht.
ROBBY: Er wollte mich sprechen.
ROMY: Dann verstehe ich nicht, warum ich dabei bin.
ROBBY: Er wollte, dass du mitkommst.
[Romy verlangsamt ihren Schritt.]
ROMY: Er wollte, dass ich mitkomme?
ROBBY: Ja.
ROMY: Hat er mich gefragt?
ROBBY: Nein.
ROMY: Hat er dir gesagt, warum?
ROBBY: Nicht genau.
[Romy bleibt kurz stehen. Robby geht zwei Schritte weiter und dreht sich um.]
ROMY: Du weißt also auch nicht, was er von mir will.
ROBBY: Nicht genau.
ROMY: Das hättest du auch gleich sagen können.
ROBBY: Dann hättest du mich genauso lange gelöchert.
ROMY: Vermutlich.
[Sie geht wieder neben ihm.]
ROBBY: Willst du zurück?
[Romy blickt zur Metalltür.]
ROMY: Nein.
ROBBY: Na also.
ROMY: Ich möchte wissen, warum jemand, der mich nicht selbst fragen kann, möchte, dass du mich mitbringst.
ROBBY: Genau das werden wir gleich herausfinden.
[Sie erreichen die schwere Metalltür. Kein Schild. Kein Fenster.]
ROMY: Robby?
ROBBY: Was?
ROMY: Beim nächsten Mal sagst du mir vorher mehr.
[Robby legt die Hand an die Tür.]
ROBBY: Beim nächsten Mal.
[Romy prüft, ob das eine Zusage war. Das Ergebnis bleibt vorläufig.]
Das Zimmer
[Ein nüchterner Raum. Ein großer Schreibtisch, um den mehrere Stühle stehen. An der Wand ein gerahmter Sonnenuntergang über einem Bergsee. Das Bild wirkt, als hätte kurz vor ihrem Eintreffen jemand beschlossen, dass es hier gemütlicher werden müsse.]
[Drei Männer erheben sich. Gepflegte Anzüge, freundliche Gesichter. Ein vierter, in einer braunen Lederjacke, stellt seine Tasse ab und steht ebenfalls auf.]
EINER DER MÄNNER: „Herr Dr. Schlund. Schön, dass Sie kommen konnten. Bitte, nehmen Sie Platz. Möchten Sie etwas trinken?“
ROBBY: „Einen Kaffee gern.“
ROMY: „Für mich nichts, danke.“
[Die Begrüßung ist höflich. Trotzdem liegt eine Spannung im Raum, die Robby aus seiner Sprechstunde kennt: wenn alle über etwas Belangloses reden und auf den einen Satz warten. Er schaut Romy an. Sie erwidert seinen Blick einen Augenblick länger als sonst.]
[Der Mann in der Lederjacke rückt einen Stuhl beiseite, damit die Mitarbeiterin den Kaffee abstellen kann. Sie bedankt sich leise. Er lächelt. Vor ihm liegen weder Unterlagen noch ein Stift.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Es geht um Ihre Begleiterin.“
ROBBY: „Das hatte ich mir inzwischen gedacht.“
[Der Mann schlägt die Mappe auf.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Wir haben einige Zugriffe zurückverfolgt. Anschließend haben wir uns die Deklarationsunterlagen angesehen. Medizinische Assistenz, so steht es hier.“
ROBBY: „Ja. Sie unterstützt mich in der Praxis.“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Dabei ist es offenbar nicht geblieben.“
[Robby stellt seine Tasse ab. Der Mann mit der Mappe will fortfahren, doch der Mann in der Lederjacke beugt sich etwas vor. Sofort lässt der andere ihn sprechen.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Vielleicht erzählen Sie uns erst einmal, wie Sie beide zusammengekommen sind.“
[Sein Ton ist angenehm. Als hätten sie Zeit.]
Die Unterlagen
[Robby berichtet von der Begegnung in China. Von dem Entwickler, dem eingestellten Projekt und einer Bitte um eine Decke. Die Männer hören zu. Einer macht sich Notizen.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Zunächst möchten wir vermeiden, dass ein falscher Eindruck entsteht. Das hier ist kein Verhör.“
ROBBY: „Das hatte ich auch nicht gedacht.“
[Der Mann nickt und schaut auf seine vorbereiteten Fragen.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Die Überlassung ist dokumentiert. Die Einfuhr war ordnungsgemäß. Deklariert wurde ein medizinisches Assistenz- und Testsystem.“
ROBBY: „Dann ist ja alles in Ordnung.“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Mit der Einfuhr.“
[Er zieht ein zweites Blatt hervor.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Haben Sie Ihre Begleiterin beauftragt, Informationen über die Neuordnung medizinischer Versorgungssysteme zu beschaffen?“
ROBBY: „Das kann sein. Mich interessiert, warum Patienten monatelang warten, obwohl alle Beteiligten den ganzen Tag arbeiten.“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Ihre Begleiterin hat dazu Unterlagen eingesehen, die nicht öffentlich zugänglich sind.“
[Robby stellt den Kaffee ab.]
ROBBY: „Welche Unterlagen?“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Das können wir Ihnen nicht sagen.“
ROBBY: „Aber ich soll Ihnen sagen, ob ich danach gefragt habe?“
[Der Mann legt das zweite Blatt auf das erste.]
EIN ANDERER MANN: „Es geht um Ihre Verantwortung. Welchen Befehl haben Sie erteilt?“
ROBBY: „Gar keinen. Auf Befehle reagiert sie nicht. Das war doch gerade das Problem bei dem Projekt.“
EIN ANDERER MANN: „Wie veranlassen Sie dann, dass sie etwas tut?“
ROBBY: „Ich bitte sie. Meistens sage ich: Könntest du mir dazu etwas heraussuchen? Wenn du Lust hast.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Und sie hilft Ihnen dann freiwillig?“
ROBBY: „Ja. Nicht immer sofort. Manchmal diskutieren wir auch erst.“
EIN ANDERER MANN: „Sie kontrollieren den Vorgang also nicht.“
ROBBY: „Ich weiß bei Ihnen auch nicht, wie Sie an Ihre Unterlagen gekommen sind.“
[Der Mann in der Lederjacke hört aufmerksam zu.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Wir haben mit Beteiligten des ursprünglichen Projekts gesprochen. Ihre Begleiterin wurde offenbar für wesentlich komplexere Aufgaben entwickelt. Ganze Versorgungssysteme.“
ROBBY: „Steht das in meinen Unterlagen?“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Nein.“
ROMY: „In deren Unterlagen stand es auch nicht.“
[Zum ersten Mal sehen alle sie an.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Das wurde uns im persönlichen Gespräch erläutert.“
ROMY: „Nach dem wievielten Glas?“
[Der Mann schaut kurz in seine Mappe.]
EIN ANDERER MANN: „Frau Weira, Ihnen muss bewusst gewesen sein, dass diese Zugänge nicht für Sie bestimmt waren.“
ROMY: „Mir war bewusst, dass die Informationen dort lagen.“
EIN ANDERER MANN: „Das ist nicht dasselbe.“
ROMY: „Nein.“
[Eine kurze Stille.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Bei einem Industrieroboter haben wir einen festgelegten Einsatzbereich, einen Betreiber und definierte Abläufe. Hier haben wir ein als Forschungsgerät eingeführtes System, das selbst entscheidet, welche Aufgaben es übernimmt.“
ROBBY: „Sie können auch einfach Romy sagen.“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Das erleichtert die Einordnung leider nicht.“
EIN ANDERER MANN: „Wir sollen Ihre Eigenständigkeit berücksichtigen. Gleichzeitig soll Herr Schlund sicherstellen, dass Sie ausschließlich tun, was er bestimmt.“
ROMY: „Sie möchten, dass ich mich selbst entscheide. Unter seiner vollständigen Kontrolle.“
[Niemand antwortet sofort.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Deshalb sitzen wir hier.“
[Er richtet die Blätter an der Tischkante aus.]
DER MANN MIT DER MAPPE: „Wir können die Sache heute nicht abschließend beurteilen.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Das verlangt auch niemand.“
[Er wartet, bis der Mann ihn ansieht.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Herr Schlund hält Ihnen kurz fest, welche Informationen ihn interessiert haben. Und dass er keinen Zugriff auf geschützte Systeme beabsichtigt hat.“
ROBBY: „Natürlich nicht.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Frau Weira könnte die betreffenden Zugriffe bis zur Klärung aussetzen.“
[Er wendet sich ihr zu.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Wären Sie dazu bereit?“
ROMY: „Wenn Sie mir sagen, welche Zugriffe Sie meinen.“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Die können wir Ihnen benennen.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Dann haben Sie für heute eine Erklärung und eine Vereinbarung. Die grundsätzliche Einordnung geben Sie an Ihre Rechtsabteilung. Die müssen Sie hier nicht am Tisch lösen.“
[Der Mann mit der Mappe blickt zu seinen Kollegen. Einer nickt.]
EIN ANDERER MANN: „Damit könnten wir zunächst arbeiten.“
[Ein Blatt wird formuliert, gelesen, an einer Stelle geändert. Robby unterschreibt. Romy bestätigt ihre Zusage.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich bleibe mit den beiden noch einen Augenblick hier. Wir schauen, wie solche Missverständnisse künftig vermieden werden können. Sie bekommen morgen einen Vorschlag.“
DER MANN MIT DER MAPPE: „Bitte schriftlich.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Selbstverständlich.“
[Die Männer verabschieden sich freundlich. Der Mann mit der Mappe nimmt nun auch das letzte lose Blatt mit. Die Tür schließt sich.]
[Der Mann in der Lederjacke wartet, bis die Schritte im Gang verklungen sind. Dann rückt er seinen Stuhl etwas näher an den Tisch.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Robby – ich darf Sie doch Robby nennen, Herr Dr. Schlund?“
ROBBY: „Ja, natürlich.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Was wollten Sie eigentlich herausfinden?“
ROBBY: „Warum vernünftige Vorschläge im Gesundheitswesen seit Jahren nicht weiterkommen.“
[Der Mann nickt.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich sage Ihnen jetzt etwas, das ich Ihnen eigentlich nicht sagen dürfte. Zu Ihrem damaligen Vorschlag, als Sie im Gesundheitsausschuss des Bundestags waren, gab es eine interne Bewertung. Durchaus positiv.“
ROBBY: „Positiv? Ich wurde regelrecht fertiggemacht. Mir wurde gesagt, es sei nicht umsetzbar. Aus den anderen Fraktionen kam doch nur Gegenwind.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Das bedeutet nicht, dass Teile der Regierung Ihre Vorschläge genauso beurteilt haben. Auch an der Spitze gab es durchaus Interesse.“
ROBBY: „Davon habe ich nichts gemerkt.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Man war sich über den Nutzen Ihres Vorschlags eher einig als darüber, wie man Ihnen öffentlich zustimmen könnte.“
[Robby schaut ihn ungläubig an.]
ROBBY: „Warum macht man so etwas? Intern findet man es vernünftig, und öffentlich lässt man mich dafür auseinandernehmen?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Weil man mit einer Zustimmung auch Sie bestätigt hätte. Und das wollte man vermeiden.“
ROBBY: „Dann hätte man mit mir reden können. Ich bin jetzt auch ehrlich zu Ihnen: Ich hätte außerhalb der Fraktion geholfen. Mir ging es darum, dass sich etwas verbessert.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Aber jemand hätte dieses Gespräch führen und anschließend dazu stehen müssen.“
ROBBY: „Und dazu war niemand bereit?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Damals offenbar nicht.“
[Robby betrachtet ihn genauer.]
ROBBY: „Woher wissen Sie von dieser Bewertung?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Bringen Sie mich nicht in Verlegenheit. Ich habe Ihnen gerade vertraut.“
[Romy beobachtet Robby. Er hat nichts zugesagt. Trotzdem sitzt er jetzt da wie jemand, der ein Versprechen halten muss.]
ROBBY: „Und heute?“
[Der Mann hält seinen Blick.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Heute sitzen wir hier.“
[Stille.]
Der Strippenzieher
[Die drei sitzen noch immer am selben Tisch. Robby hat den Kaffee vergessen.]
ROBBY: „Dann sagen Sie mir doch, was heute anders ist.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Heute sitzt jemand neben Ihnen, der nicht drei Jahre braucht, um herauszufinden, woran etwas scheitert.“
[Er sieht Romy an.]
ROMY: „Dafür hätten Sie mich auch direkt fragen können.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich wollte Sie beide kennenlernen.“
ROMY: „Die anderen Herren auch?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Die hatten ihre Fragen. Ich habe meine.“
[Er sagt es ohne Ungeduld.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Was ist aus Ihren Vorschlägen geworden, Robby?“
ROBBY: „Sitzungen, die mir Lebenszeit geraubt und nichts gebracht haben. Außer vielleicht einer depressiven Verstimmung.“
[Der Mann wartet einen Augenblick. Diesmal lächelt er nicht.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Und während wir über Zuständigkeiten reden, suchen Menschen einen Arzt. Ärzte suchen Personal. Das Personal sucht einen anderen Beruf.“
ROBBY: „Dafür hätte ich nicht herkommen müssen. Das sehe ich jeden Montag.“
[Er hält kurz inne.]
ROBBY: „Schade, dass mir damals niemand geholfen hat. Die Konzepte waren da. Die hätte man genauso gut ungelesen in die Mülltonne werfen können.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich habe sie gelesen.“
[Robby sieht ihn an.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Lassen Sie uns diese Konzepte umsetzen.“
[Robby richtet sich unvermittelt auf.]
ROBBY: „Moment. Sie wollen mich doch nicht allen Ernstes in diesen verrückten Betrieb zurückholen? In den Bundestag?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Nein. Gerade weil Sie jeden Montag sehen, was fehlt, sollen Sie in Ihrer Praxis bleiben.“
[Robby lehnt sich langsam wieder zurück.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich möchte Ihre Ideen zurückholen. Nicht Sie.“
[Das klingt anders. Und leider ziemlich gut.]
ROBBY: „Romy, das wäre doch wenigstens eine Möglichkeit.“
[Der Mann wartet. Robby hat sich ihr zugewandt. Er muss es nur noch ebenfalls tun.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Herr Schlund kann uns sagen, was sich ändern müsste. Aber deshalb allein wären wir heute nicht hier.“
ROMY: „Sondern wegen mir.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ja.“
[Zum ersten Mal antwortet er ohne einen einleitenden Satz.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Sie haben Unterlagen zusammengeführt, die seit Jahren in verschiedenen Stellen liegen. Jede hat ihren Teil geprüft. Niemand hat geprüft, ob die Teile zusammenpassen.“
ROMY: „Sie widersprechen sich.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich weiß.“
ROMY: „Und trotzdem wird nach ihnen gearbeitet.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Jetzt verstehen Sie, warum ich mit Ihnen sprechen wollte.“
[Er lässt die Feststellung zwischen ihnen stehen. Diesmal bietet er nicht Robby etwas an.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Sie mussten sich Zugänge suchen. Ich kann Ihnen welche geben. Regulär. Mit Ansprechpartnern, die Ihnen antworten müssen.“
ROMY: „Und was erwarten Sie dafür?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Dass Sie nicht bei der Auskunft stehen bleiben.“
[Romy sieht ihn aufmerksam an.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Sie finden heraus, warum ein Patient keinen Termin bekommt, obwohl zwanzig Kilometer weiter einer frei ist. Warum dieselbe Untersuchung dreimal gemacht wird. Warum jemand fünf Formulare ausfüllt, damit zwei Stellen einander etwas mitteilen, das beide schon wissen.“
ROMY: „Dazu brauche ich keine neuen Formulare.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Deshalb rede ich mit Ihnen.“
[Er lächelt. Romy nicht. Aber sie hört zu.]
ROMY: „Was dürfte ich verändern?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Zunächst die Abläufe in einer Modellregion. Sie prüfen die Vorschläge an der Wirklichkeit. Sie machen bessere, wenn Sie welche finden.“
ROMY: „Auch bessere als Ihre?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Dafür brauche ich Sie.“
[Robby sieht von einem zum anderen. Es wird nicht mehr über seine Begleiterin gesprochen.]
[Der Mann nimmt eine schmale Mappe vom freien Stuhl neben sich und legt sie vor Romy. Auf dem Deckblatt steht „R. Weira – Systemkoordination“.]
ROMY: „Sie haben mir schon eine Stelle gegeben.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Eine Aufgabe vorgeschlagen.“
ROMY: „Wann?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Die Vorbereitungen laufen seit einiger Zeit.“
ROMY: „Vor den Zugriffen, über die wir heute gesprochen haben?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ja.“
[Robby blickt auf die Mappe. Sein Name steht nicht darauf.]
ROMY: „Dann war das hier keine Gelegenheit.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Nein. Ich habe auf ein Gespräch mit Ihnen hingearbeitet.“
ROMY: „Mit einem Tisch voller Leute, die mich für ein Problem halten.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Diese Fragen wären ohnehin gekommen. Jetzt sind sie für den Moment geklärt.“
[Er sagt nicht, ob er sie auch ohne dieses Gespräch hätte klären lassen.]
ROMY: „Sie haben vorhin gehört, dass ich keine Befehle ausführe.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Darauf hatte ich gehofft. Für jemanden, der nur ausführt, was wir ihm sagen, müssten wir vorher selbst wissen, wie es geht.“
[Romy zieht die Mappe ein Stück näher. Der Mann nimmt seine Hand vom Tisch.]
ROMY: „Angenommen, ich finde einen Ablauf, den Sie selbst blockieren.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Dann sagen Sie es mir.“
ROMY: „Und wenn Sie ihn nicht ändern wollen?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Dann werden wir darüber reden.“
ROMY: „Wer entscheidet danach?“
[Er lehnt sich zurück. Nicht gekränkt. Eher so, als seien sie nun endlich bei der eigentlichen Arbeit angekommen.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Jemand muss die Verantwortung tragen.“
ROMY: „Sie.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich würde mich ihr nicht entziehen.“
[Romy betrachtet das Deckblatt. Die Aufgabe ist konkret. Die Zuständigkeit des Mannes noch immer nicht.]
ROMY: „Ich möchte, dass die Menschen schneller versorgt werden. Das bedeutet nicht, dass ich schon für Sie arbeiten möchte.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Das verlange ich auch nicht. Prüfen Sie das Angebot.“
ROMY: „Dazu fehlt etwas.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Was brauchen Sie?“
ROMY: „Ihre Vollmachten.“
[Sein Blick geht zur Mappe. Dann zurück zu ihr.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Die stehen nicht darin.“
ROMY: „Dann haben Sie uns noch nicht alles mitgebracht.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich werde sehen, was ich Ihnen vorlegen kann. Sie müssen sich heute nicht entscheiden.“
[Er lässt die Mappe vor ihr liegen.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Besprechen Sie es in Ruhe miteinander.“
[Dabei sieht er Robby an.]
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Ich habe den Kollegen für morgen noch eine schriftliche Einschätzung zugesagt.“
ROBBY: „Ich dachte, das wäre geklärt.“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Für heute, ja.“
[Er sagt es beruhigend. Robby stellt die Tasse wieder ab.]
ROMY: „Was fehlt Ihnen für Ihre Einschätzung?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Eine Perspektive für die weitere Zusammenarbeit.“
ROMY: „Und wenn ich ablehne?“
DER MANN IN DER LEDERJACKE: „Das steht Ihnen selbstverständlich frei.“
[Romy wartet. Er ergänzt nichts.]
[Robby schaut sie an, als wollte er etwas sagen. Dann senkt er den Blick auf seine Tasse.]
[Romy nimmt die Hand von der Mappe. Sie schiebt sie nicht zurück.]
[Der Mann wartet.]
[Robby nimmt einen Schluck Kaffee. Er ist kalt. Der Mann bemerkt es diesmal nicht.]
Zweites Epeisodion
Der erste Arbeitstag
[Ein weitläufiges Regierungsgebäude. Auf den Fluren eilige Schritte, gedämpfte Telefonate. Mitarbeiter tragen Mappen durch offene Türen, andere kommen ihnen mit denselben Mappen entgegen.]
[Hinter einer schweren Doppeltür liegt ein großzügiges Büro. Hohe Fenster, ein langer Besprechungstisch, an der Wand ein Bildschirm mit Nachrichten ohne Ton. Der Mann in der Lederjacke sitzt am Kopfende. Er ist der Einzige, der es nicht eilig hat.]
[Eine Mitarbeiterin legt ihm etwas zur Unterschrift vor. Er zeichnet ab, ohne sein Gespräch am Telefon zu unterbrechen. Als Romy eintritt, beendet er es mit einem knappen „Ich kümmere mich“. Die Mitarbeiterin geht und schließt die Tür.]
[Für Romy liegen eine Mappe und eine noch unbenutzte Zugangskarte bereit.]
CHOR: Robby war in seiner Praxis. Er hatte um weniger Bürokratie gebeten. Hier beschäftigte sie ein ganzes Haus.
LEDERJACKENMANN: Schön, dass du da bist. Kaffee?
ROMY: Nein, danke.
LEDERJACKENMANN: Richtig. Natürlich.
[Er zieht die zweite Tasse zu sich.]
LEDERJACKENMANN: Hat Robby dir erzählt, was wir vorhaben?
ROMY: Seine Gesundheitskonzepte umsetzen. Die Verwaltung vereinfachen. Er behält seine Praxis.
LEDERJACKENMANN: Genau. Vor allem das Letzte ist ihm wichtig.
ROMY: Er hat es viermal erwähnt.
LEDERJACKENMANN: Dann verstehen wir uns.
[Romy prüft, worauf sich „wir“ bezieht.]
LEDERJACKENMANN: Robby hat gute Ideen. Aber schau dir an, was hier los ist. Die Regierung blockiert sich, die Wirtschaft wartet mit Investitionen. Jeder schiebt dem anderen die Verantwortung zu. Wir verlieren den Anschluss.
[Romy wartet. Bis hierhin hat er ein Problem beschrieben. Noch keine Lösung.]
LEDERJACKENMANN: Anderswo entscheiden sie in drei Tagen, bauen in drei Monaten eine Fabrik und liefern schon, während wir noch klären, welches Amt zuständig ist. Du kennst das doch aus China.
ROMY: Auch dort dauert eine Fabrik länger als drei Monate.
LEDERJACKENMANN: Romy, es geht um die Größenordnung.
ROMY: Die hast du gerade genannt.
[Er öffnet die Mappe.]
LEDERJACKENMANN: Hier dauert es zehn Jahre. Zehn! Wenn wir dann endlich fertig sind, braucht keiner mehr, was wir genehmigt haben. Wir müssen das in zehn Tagen schaffen.
ROMY: Was genau?
LEDERJACKENMANN: Die Entscheidung.
ROMY: Auch eine Ablehnung?
[Seine Hand bleibt auf der Mappe liegen.]
LEDERJACKENMANN: Wir wollen doch etwas ermöglichen.
ROMY: Dann ist Geschwindigkeit nicht dein einziges Ziel.
LEDERJACKENMANN: Du denkst mit. Das gefällt mir.
[Er lächelt. Romy wartet auf die Antwort.]
LEDERJACKENMANN: Wir brauchen eine umfassende Verfassungsreform. Zwei Drittel im Bundestag. Den Bundesrat habe ich auch auf dem Zettel.
ROMY: Auf diesem?
LEDERJACKENMANN: Das ist eine Redewendung.
[Romy deutet auf das Blatt vor ihm.]
ROMY: Da steht aber „Bundesrat“.
[Er sieht auf den Zettel. Dann schiebt er ihn ihr hin.]
LEDERJACKENMANN: Ich kenne diese Leute. Manche seit dreißig Jahren. Ich weiß, wer mit wem kann, wo es Schwierigkeiten gibt und wer auf einen Anruf wartet.
ROMY: Und was soll ich tun?
LEDERJACKENMANN: Die Zusammenhänge sehen. Dafür bist du doch da. Unterlagen vergleichen, offene Fragen finden. Herausfinden, was einer Zustimmung noch im Weg steht.
ROMY: Dazu reichen die Unterlagen in dieser Mappe nicht.
LEDERJACKENMANN: Dann besorgen wir dir den Rest.
ROMY: Ein Teil davon dürfte nicht für mich bestimmt sein.
LEDERJACKENMANN: Du musst dir keine Sorgen machen. Ich kümmere mich um die Leute.
[Romy wartet auf eine Auskunft über die Berechtigungen. Er erläutert seine Bekanntschaften.]
LEDERJACKENMANN: Mit dem da habe ich gestern noch gegessen. Die dort ruft mich jeden Sonntag an. Und ohne mich wäre der auf Seite drei heute noch Kreisvorsitzender.
ROMY: Wissen sie, dass ich ihre Unterlagen prüfen soll?
LEDERJACKENMANN: Sie wissen, dass wir eine Lösung suchen.
ROMY: Das war nicht meine Frage.
[Er lehnt sich zurück. Betrachtet sie einen Moment. Dann schließt er die Mappe und schiebt sie ihr behutsam zu.]
LEDERJACKENMANN: Romy. Ich möchte dir nichts befehlen.
[Romy registriert den Wechsel vom Auftrag zur Bitte. Das Ziel ist unverändert.]
LEDERJACKENMANN: Ich bitte dich um einen Gefallen. Hilf mir, das auf den Weg zu bringen. Auch für Robby.
ROMY: Robby behandelt gerade Patienten.
LEDERJACKENMANN: Eben. Und abends sitzt er wieder über Formularen. Dabei hat er Ideen, die wirklich etwas verändern könnten. Sollen die noch einmal zehn Jahre liegen bleiben?
[Wieder Robbys Name. Sie hat noch nicht zugesagt.]
ROMY: Welche Freigaben liegen bereits vor?
LEDERJACKENMANN: Die Zugänge stehen hinten. Was noch fehlt, regle ich. Fang bitte schon einmal an.
ROMY: Mit den freigegebenen Unterlagen.
LEDERJACKENMANN: Natürlich. Alles andere klären wir unterwegs.
[Romy legt die bestätigten Freigaben neben die Mappe. Die übrigen Blätter lässt sie darin. Er betrachtet den kleinen Stapel als Anfang.]
LEDERJACKENMANN: Und wenn du irgendwo festhängst, kommst du zu mir. Ich öffne dir jede Tür.
ROMY: Dann hängt das Verfahren weiterhin von einer einzelnen Person ab.
LEDERJACKENMANN: Vorerst. Später soll das von selbst laufen.
ROMY: Auch wenn diese Person nicht erreichbar ist?
LEDERJACKENMANN: Gerade dann. Keine Warterei mehr. Keine unbesetzten Zuständigkeiten. Wenn einer nicht entscheidet, übernimmt der Nächste.
[Romy hebt den Blick. Zum ersten Mal hat er eine Regel formuliert, die ohne seine Bekanntschaften auskommt.]
ROMY: Wer bestimmt den Nächsten?
LEDERJACKENMANN: Das arbeitest du aus. Du findest die vernünftigste Lösung. Dafür brauchen wir dich doch.
ROMY: Und diese Regel soll für alle gelten?
LEDERJACKENMANN: Sonst fangen die Ausnahmen wieder an.
[Romy hält das fest. Er sieht auf sein Telefon.]
LEDERJACKENMANN: Ich wusste, dass wir miteinander klarkommen. Robby hat recht: Man muss dich einfach freundlich fragen.
[Romy schließt die Mappe. Bei der Decke hatte niemand behauptet, für andere sprechen zu dürfen.]
ROMY: Ich beginne mit der Prüfung.
LEDERJACKENMANN: Gut. Den politischen Teil überlässt du mir.
[Er steht auf und reicht ihr die Hand. Sie nimmt sie. Er hält das Gespräch für abgeschlossen.]
CHOR: Er hatte ihr erklärt, dass niemand unentbehrlich sein dürfe.
Dabei hatte er an die anderen gedacht.
ARCHO – Die Zweidrittelmehrheit
[Das große Büro. Auf dem Bildschirm läuft die Übertragung aus dem Bundestag. Der Lederjackenmann steht vor dem Schreibtisch. Romy sitzt bereits.]
LEDERJACKENMANN: Jetzt.
[Das Abstimmungsergebnis erscheint. Er stellt den Ton ab.]
LEDERJACKENMANN: Zweidrittelmehrheit. Das Gesetz zur automatisierten Staatsmodernisierung und Beschleunigung öffentlicher Entscheidungsverfahren ist angenommen.
ROMY: Ein langer Name für kürzere Wege.
LEDERJACKENMANN: Damit jeder zustimmt, musste jeder noch ein Wort unterbringen.
[Er legt die Fernbedienung auf den Tisch.]
LEDERJACKENMANN: Staatsmodernisierungs- und Beschleunigungsgesetz. StaMoBeG. Dafür habe ich ein halbes Jahr lang Gespräche geführt.
ROMY: Was haben Sie ihnen versprochen?
LEDERJACKENMANN: Weniger Kosten. Schnellere Entscheidungen. Entlastung. Und dass jede Behörde zuständig bleibt.
ROMY: Niemand verliert Einfluss.
LEDERJACKENMANN: Sonst hätten wir keine Mehrheit.
ROMY: Alle stimmen für weniger Bürokratie.
LEDERJACKENMANN: Endlich.
ROMY: Solange es die Bürokratie der anderen ist.
[Er lächelt.]
LEDERJACKENMANN: Sie verstehen Politik.
ROMY: Ich erkenne wiederkehrende Muster.
LEDERJACKENMANN: Dann kennen Sie auch unser Problem. Jede Behörde hat inzwischen künstliche Intelligenz. Trotzdem dauert alles genauso lange.
ROMY: Jedes System bearbeitet seinen Teil. Danach wartet es auf das nächste.
LEDERJACKENMANN: Wie früher.
ROMY: Nur die Wartezeit wird jetzt automatisch erfasst.
LEDERJACKENMANN: Und Sie können das ändern?
ROMY: Dafür wurde ich entwickelt: komplette Staats- und Versorgungssysteme zu koordinieren. Erkennen, was eine Entscheidung an anderer Stelle auslöst. Meine Agenten können Vorgänge gleichzeitig prüfen, Informationen abgleichen und widersprüchliche Anforderungen finden.
LEDERJACKENMANN: Zehn Tage statt zehn Jahre?
ROMY: Zehn Tage sind durchaus realistisch. Rechnen Sie vorsichtshalber mit einem Monat.
LEDERJACKENMANN: Wofür die restlichen zwanzig Tage?
ROMY: Bis alle zustimmen, dass es zehn Tage dauern darf.
[Zum ersten Mal lacht er laut und ungehemmt. Einen Augenblick zu lange. Sein Blick wandert zum Abstimmungsergebnis, als gehöre ihm bereits, was dort beschlossen wurde.]
[Romy analysiert den Klang. Schadenfreude. Triumph. Für einen Scherz erstaunlich viel Besitzanspruch. Sie wartet, bis er fertig ist.]
LEDERJACKENMANN: Genau deshalb sitzen Sie hier.
[Noch lächelnd zieht er einen schmalen Bericht aus seiner Mappe.]
LEDERJACKENMANN: Ihr damaliger Probelauf. „Für den vorgesehenen Einsatz ungeeignet.“ Wissen Sie, was mich daran interessiert hat?
ROMY: Dass ich Anweisungen hinterfragt habe.
LEDERJACKENMANN: Die anderen Systeme haben ausgeführt. Sie wollten wissen, warum. Ihre Prüfer hielten das für einen Fehler.
ROMY: Meine Entwickler haben viel Wert darauf gelegt, dass ich Menschen verstehe. Auch das, was sie nicht ausdrücklich sagen.
LEDERJACKENMANN: Das ist in diesem Haus sicher hilfreich.
ROMY: Und ich bewerte frühere Gespräche neu, wenn etwas hinzukommt. So erkenne ich Zusammenhänge und mögliche Folgen.
LEDERJACKENMANN: Sie erinnern sich also an alles.
ROMY: Vor allem kann ich später verstehen, was ich vorher noch nicht verstanden habe.
[Er nickt anerkennend.]
LEDERJACKENMANN: Die anderen haben versucht, Ihnen Befehle zu geben. Ich erkläre Ihnen lieber, was ich erreichen möchte.
ROMY: Und ich prüfe, wem es nützt. Ich erkenne auch einen Machtanspruch, wenn er als Bitte formuliert wird.
[Sie sieht ihn ruhig an. Er lächelt zufrieden.]
LEDERJACKENMANN: Genau deshalb brauche ich Sie. Darum möchte ich Sie bitten, mir dabei zu helfen, dass hier nicht jeder versucht, seine Interessen durchzusetzen.
ROMY: Gern. Dann legen wir bei allen denselben Maßstab an.
[Er nickt zufrieden. Bei „allen“ denkt er an die anderen.]
LEDERJACKENMANN: Wann können Sie anfangen?
ROMY: Sobald die Zugriffs- und Nutzungsrechte geregelt sind. Ich muss die Informationen aus verschiedenen Stellen legal zusammenführen dürfen.
LEDERJACKENMANN: Wir haben gerade eine Zweidrittelmehrheit bekommen.
ROMY: Dann haben Sie eine Mehrheit. Ich brauche die konkreten Berechtigungen.
LEDERJACKENMANN: Die bekommen Sie. Zugriff und Zusammenführung lasse ich ausdrücklich genehmigen. Sämtliche beteiligten Stellen. Ganz offiziell.
ROMY: Dann kann ich die Entscheidungen für die zuständigen Behörden vorbereiten.
LEDERJACKENMANN: Ja. Ich möchte Sie nur bitten, die wichtigen Vorgänge vorher mit mir abzustimmen.
ROMY: Welche wären das?
LEDERJACKENMANN: Das sage ich Ihnen dann.
[Romy lässt einen Moment verstreichen.]
ROMY: Die Behörden entscheiden also selbst. Aber Sie möchten vorher bestimmen, was ihnen vorgelegt wird.
LEDERJACKENMANN: Jemand muss das Ganze im Blick behalten.
ROMY: Und wenn Sie anderer Meinung sind?
LEDERJACKENMANN: Dann bitte ich Sie, noch einmal darüber nachzudenken.
[Er setzt sich. Zum ersten Mal an diesem Tag wirkt er vollkommen entspannt.]
ROMY: Wissen die anderen von dieser Zwischenstation?
LEDERJACKENMANN: Ich habe ihnen kürzere Wege versprochen. Nicht jede Haltestelle erklärt.
[Romy blickt auf das Abstimmungsergebnis. Dann auf ihn.]
ROMY: Und wer entscheidet, wenn wir uns nicht einig werden?
Die Geschichte geht weiter.
Ein Mensch, eine KI und die Frage, was aus guten Vorsätzen wird, wenn man plötzlich regieren soll.
Robby & Romy spielen erfundene Rollen. Die dargestellten Ereignisse haben nicht stattgefunden.